SEVAK ARAMAZD

(Sevak Hovhannisyan)


Biographische
Eckdaten

 

Geboren 1961 in Geghaschen, Armenien.

 

Studierte Germanistik und Philosophie an der Brjusov-Universität für Fremdsprachen Eriwan und an der Goethe-Universität Frankfurt.

 

Mitglied im Schriftstellerverband Armeniens seit 1987. 


Mitbegründer der Übersetzungszeitschrift „Astghik“ (1987), verantwortlicher Redakteur für deutschsprachige Literatur (bis 1993).

 

Übersetze einige Werke aus der deutschsprachigen Literatur (Goethe, Heine, Rilke, Trakl, Hesse, Böll) ins Armenische.


Verfasste literaturwissenschaftliche und philosophische Essays.

 

Armenischer Staatsbürger.

 

Verheiratet, zwei Kinder.         

 

Als ich die fünfzigste Seite meines Lebens umschlug, sah ich diese Überschrift:

 

ÜBER MICH

 

Der Rest der Seite war makellos rein, und aus ihrer weißen Tiefe sah mich eine bodenlose Leere an. Ich begriff, dass sie mit meinem Leben gefüllt werden sollte. Aber wie? Auch diesmal eilte meine Muttersprache, das Armenische, mir zu Hilfe, die mich immer in den schwierigsten Stunden meines Lebens gerettet hat. Es fiel mir ein, dass das Pronomen „im“ („mein“) mit dem Verb „imanal“ („wissen“) zusammenhing, (vgl. dt. mein-meinen, russ. mne /mir/- mnenije /Meinung/, engl. mine-mind, usw.). Es wurde mir klar, dass über mich schreiben, hieß darüber schreiben, was ich über mich wusste. So wurde der erste Stern in der grenzenlosen Leere geboren.

 

Der zweite war ein sehr heller Stern, so wunderschön, wie nur die Dichtung sein kann. Seine feinen funkelnden Strahlen bündelten sich zusammen und ergaben ein Bild. Als ich es noch genauer betrachtete, stellte ich fest, dass es wie eine Zahl aussah: 1961. Dann erfuhr ich, dass meine Geburt mit dem geheiligten Wasser des urarmenischen Festes Vardavar gesprengt war, das von Fingern der altarmenischen Göttin der Liebe und Schönheit Astghik heruntergetropft war. Es schien auch kein Zufall zu sein, dass das Dorf in den Bergen Armeniens, wo ich das Licht der Welt erblickt habe, ebenso dem Schönen geweiht war: Geghaschen (dt.: „schönes Dorf“)dort hatten alle – ob alt, ob jung – am Tag meiner Geburt  das Vardavar-Fest gefeiert. So begann die Leere Gestalt anzunehmen und einen bestimmten vertrauten Sinn zu gewinnen. 

 

Der dritte Stern war riesengroß und mit zahllosen Zacken versehen. Er tauchte langsam schwimmend aus dem Unbekannten auf, blieb einen Augenblick lang unschlüssig stehen und explodierte plötzlich nach allen Seiten. Seine flammenden Splitter schienen mein Gesicht zu streifen und tief in meine Seele einzudringen. Ein unbekannter und unermesslicher Schauer ergriff mich und in mir wachte das Wort „Gott“ auf. Ich war gleichsam in einer Welt geboren, wo alles Gott war: unser Haus, unser Hund, unsere Kälber und Lämmer, unser Dorf und unsere Berge, der Wind und die Wolken und jene steinigen Pfade, auf denen ich auf der Suche nach einer seltenen glückbringenden Blume barfuß wanderte. Unsere Familie, meine Geschwister, unser Nachbar von rechts, unser Nachbar von links, der große Heuhaufen auf unserem Hof und das Brüllen der Kühe waren Gott. Mein Vater war Gott, meine Mutter war Gott und ich war ebenso Gott, ein kleiner. So entdeckte ich plötzlich, dass ich lebte und dass das Leben Gott war.

 

Doch dieser Gott oder diese Götter hatten einen kleinen Makel: sie hatten keine Körper. Keinen Körper hatte auch der Sohn unseres Nachbarn, der aus unserem Garten Birnen geklaut und mit dem ich mich geprügelt hatte. Alle und alles existierten und lebten, doch auf eine erstaunliche Weise besaßen sie in meinen Augen keine Körper. Körperlos waren insbesondere die Mädchen, und als ich die Erwachsenen erzählen hörte, wie ein Mädchen und ein Junge…, erschien sofort ein Lächeln auf meinem Gesicht, wie die Erwachsenen nachsichtig über die Naivität der Kinder lächeln: Wie können nur die Menschen Körper haben…! So füllte sich die Leere andauernd mit formlosen und unbestimmten Dünsten, die sich nach und nach unbemerkt verdichteten, bis eines Tages aus den undurchdringlichen Tiefen des Nebels sechsunddreißig hell strahlende Sterne auf einmal geboren wurden: die armenischen Buchstaben. 

 

Zu Hause hatten wir eine uralte hohe Ottomane aus rohem Holz, unter der mein Bruder mir das armenische Alphabeth beibrachte. Im Halbdunkel liegend, schrieb ich die Buchstaben mit einer so erstaunlichen Leichtigkeit nieder, dass es mir schien, sie würden schon in fertiger Form in meinem Kopf geboren. Als ich damit fertig war, kroch ich wieder aus meinem Versteck hinaus und lief in unseren Garten, wo mein Vater dabei war, einen jungen Baum zu pflanzen. Mit großer Freude zeigte ich meinem Vater Buchstaben, die ich geschrieben hatte; er sah hin, lächelte zufrieden und fuhr fort, die Erde auszuheben. Ich half ihm, den Baum zu pflanzen, lief dann zurück, kroch wieder in mein Versteck hinein und schrieb sofort folgendes Gedicht nieder:

 

Ich hebe die Erde aus,

Pflanze einen Baum

In unserem grünen Garten,

Damit er für immer im Garten blüht…

 

In meinen Augen verwandelte sich alles auf einmal, gewann einen Körper und wurde wirklich und greifbar. Ich stutzte. Als ich noch einmal las, was ich geschrieben hatte, musste ich mich bewundern; ich hatte das Gefühl, diese ganze Welt selbst erschaffen zu haben: die Erde, den Garten, den Baum. Doch plötzlich stach ein scharfes Schamgefühl mir ins Herz: mir wurde bewusst, dass ich die Pflanzung des Baumes im Gedicht mir zugeschrieben hatte, während ich in Wirklichkeit lediglich meinem Vater geholfen hatte. Ich schickte mich an, das Gedicht umzuschreiben, wenigstens die Einzahl durch die Mehrzahl (das Ich durch das Wir) zu ersetzen, doch eine unbekannte Kraft ließ das nicht zu, und ich zog meine Hand zurück. Ich begriff instinktiv, dass ein Gedicht ist, wenn der Sohn dem Vater hilft, einen Baum zu pflanzen. Dies bedeutete zugleich, dass ich selbst den Baum gepflanzt hatte. So wurde die Dichtung zu meinem Leben, und die Leere erfüllte sich immer mehr mit neuen kleinen und großen Sternen.   

 

Vier Jahre später, als ich neun Jahre alt war, erscholl mein Ruhm „in aller Welt“: In unserem Dorf wussten alle, jung und alt, dass ich ein Dichter war und man verpasste die Gelegenheit nicht, mir Ratschläge zu erteilen: wenn ich „etwas Ordentliches“ schreiben wolle, dann solle ich stets meiner Mutter und meinem Vater zu Hause helfen, unsere Kuh rechtzeitig füttern, unsere Kälber und Lämmer rechtzeitig in die Berge auf die Weide und rechtzeitig wieder zurück nach Hause bringen, „keine Minute später oder früher“.  Mein Herz erfüllte sich mit Stolz, es schien mir, dass sogar unser Haus, unser Hund, unsere Hühner, unser Garten, der Heuhaufen auf unserem Hof, unsere Berge, die Winde, die Sonne und der Mond ebenso wussten, dass ich ein Dichter war. Ich lächelte nur bescheiden, wenn ich mich in der Morgendämmerung für meine kranke Mutter um die Kühe des Dorfes kümmern ging und ihre Freundlinnen im Halbdunkel des Stalls zueinander sagen hörte: „Der Dichter ist da“.

 

Nun war ich am Ende der Seite angekommen, und die Leere wallte vor zahllosen Sternen und verwandelte sich in einen leuchtenden Himmel.

 

Wer weiß, ob nicht auch Jener Eine Himmel und Erde auf diese Weise erschaffen hat...

 

21.09.2011 


(Aus dem Armenischen übersetzt vom Autor)

 

© Sevak Aramazd